Rückblick 2016

Heimatspuren, Begegnungen und bewegte Verbindungen

Auf Spurensuche zwischen Ruhrgebiet und Sizilien

Was bedeutet Heimat? Ist es der Ort, an dem wir geboren wurden? Sind es die Menschen, mit denen wir leben, die Sprache unserer Kindheit oder die Erinnerungen, die wir mit uns tragen?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Kompanie WINDSPIEL in ihrem Tanz- und Bewegungstheaterprojekt „Heimatspuren – Tracks“. Die unterschiedlichen Lebensgeschichten der Mitwirkenden bildeten den Ausgangspunkt einer künstlerischen Spurensuche, die weit über die Grenzen des Ruhrgebiets hinausführen sollte.

Das Ruhrgebiet selbst bot dafür einen reichen Erfahrungshintergrund. Die Geschichte des Bergbaus, die Zuwanderung von Menschen aus unterschiedlichen Ländern und das Zusammenleben verschiedener Kulturen haben diese Region geprägt. Besuche im Deutschen Bergbau-Museum Bochum und auf der Halde Haniel in Bottrop eröffneten neue Perspektiven auf die eigene Herkunft und auf die Frage, was Menschen mit einem Ort verbindet.

Aus Gesprächen, Erinnerungen, Empfindungen und persönlichen Geschichten entstanden Bewegungsbilder und szenische Ausdrucksformen. Dabei ging es nicht darum, eine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach Heimat zu finden. Vielmehr sollten die unterschiedlichen Erfahrungen nebeneinander bestehen und miteinander in Beziehung treten dürfen.

Ende Februar: Mit WINDSPIEL nach Sizilien

Ende Februar 2016 brach die Kompanie zu einer gemeinsamen Reise nach Palermo auf. Die sizilianische Stadt war zugleich der Herkunftsort einer Künstlerin des Ensembles. So wurde die Reise zu einer besonderen Gelegenheit, einer Lebensgeschichte nicht nur erzählerisch, sondern unmittelbar vor Ort zu begegnen.

Palermo empfing die Gruppe mit seiner kulturellen Vielschichtigkeit, seinen Gegensätzen und einer Geschichte, in der sich unterschiedliche Einflüsse über Jahrhunderte miteinander verbunden haben.

Die Reise war weit mehr als ein Ausflug. Künstlerische Begegnungen, gemeinsame Erkundungen und Bewegungsaktionen im öffentlichen Raum gehörten ebenso dazu wie die Auseinandersetzung mit traditionellen südeuropäischen Tänzen.

Für eine Kompanie, in der Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenarbeiten, bedeutete eine solche Unternehmung auch eine erhebliche organisatorische Herausforderung. Reisen, Unterkünfte, Begleitung und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitwirkenden mussten aufeinander abgestimmt werden.

Doch gerade in diesem Zusammenspiel von Verantwortung und gemeinsamer Aufmerksamkeit entstand Raum für persönliche Erfahrungen.

In Erinnerung geblieben sind auch die stillen Augenblicke am Morgen: die noch kühle Luft auf einer bereits von der Sonne beschienenen Hotelterrasse, ein Moment der Meditation vor dem Frühstück, bevor der Tag mit all seinen Begegnungen und Anforderungen begann.

Solche Momente gehörten ebenso zur Reise wie die gemeinsamen Unternehmungen. Sie machten erfahrbar, dass sich Verantwortung teilen lässt und dass neben aller Organisation auch Platz für das eigene Erleben bleiben kann.

Die Eindrücke aus Sizilien flossen nach der Rückkehr in die weitere Arbeit an „Heimatspuren“ ein. Was zuvor in Gesprächen und Proben Gestalt angenommen hatte, war nun um unmittelbare Begegnungen und gemeinsam gelebte Erfahrungen reicher geworden.

29. April: „Heimatspuren – Tracks“ feiert Uraufführung

Am 29. April 2016 wurde „Heimatspuren – Tracks“ im Theater im Depot in Dortmund uraufgeführt.

Unter der künstlerischen Leitung von Ute Mittelbach brachte die Kompanie WINDSPIEL ihre Auseinandersetzung mit Herkunft, Zugehörigkeit und kultureller Vielfalt auf die Bühne.

Die Inszenierung verband Tanz, Bewegungstheater und Performance. Persönliche Erinnerungen begegneten der Geschichte des Ruhrgebiets, individuelle Lebenswege verbanden sich mit Erfahrungen von Migration, Fremdheit und Vertrautheit.

Die Reise nach Palermo hatte dieser künstlerischen Arbeit eine weitere Dimension hinzugefügt. Heimat war nicht länger nur Gegenstand der Betrachtung, sondern etwas, das die Mitwirkenden auf unterschiedliche Weise gemeinsam erlebt hatten.

Die Aufführung machte sichtbar, was die Arbeit von WINDSPIEL seit Jahren prägt: Menschen mit unterschiedlichen körperlichen, geistigen und künstlerischen Möglichkeiten gestalten gemeinsam ein Bühnenwerk. Ihre Verschiedenheit wird dabei nicht verborgen, sondern zu einem wesentlichen Bestandteil des künstlerischen Ausdrucks.

So entstand ein Theaterabend, der keine fertigen Antworten auf die Frage nach Heimat geben wollte, sondern die Zuschauer einlud, den eigenen Vorstellungen und Empfindungen nachzuspüren.

Ein Ausstellungsbesuch wird zur eigenen Entdeckungsreise

Am 21. Mai 2016 besuchten Mitglieder der Kompanie WINDSPIEL eine Ausstellung des Choreografen und Künstlers Ben Riepe in der Stadtgalerie Viersen.

Was zunächst als gemeinsamer Ausstellungsbesuch begonnen hatte, entwickelte sich zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit den gezeigten Arbeiten. Die Tänzer betrachteten Fotografien, ließen sich von Körperhaltungen und Bewegungsmotiven anregen und begannen, eigene Posen und kleine Szenen zu gestalten.

Dabei wurde der Ausstellungsraum selbst zu einem Ort künstlerischer Erkundung. Die Mitglieder der Kompanie begegneten den Werken nicht nur als Betrachter, sondern brachten ihre eigenen körperlichen Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten ein.

Auch die ungewöhnlichen Installationen der Ausstellung regten zum Entdecken und Ausprobieren an. Ein gemeinsames Picknick rundete den Ausflug ab.

Julia Isken hielt diesen Tag in einem ausführlichen persönlichen Erlebnisbericht fest. Ihre Schilderung vermittelt nicht nur Eindrücke von den Kunstwerken, sondern auch von der Freude am gemeinsamen Entdecken, von spontanen Einfällen und von den Begegnungen innerhalb der Gruppe.

Der Ausflug zeigte auf besondere Weise, wie selbstverständlich künstlerische Wahrnehmung und eigenes Gestalten ineinander übergehen können. Die Ausstellung wurde für WINDSPIEL zu einem Erfahrungsraum, in dem aus dem Betrachten ein eigenes Spiel mit Bewegung, Körper und Raum entstand.

Transportanz: Junge Menschen bringen Bewegung in die Finanzierung

Künstlerische Projekte brauchen nicht nur Ideen, Probenräume und engagierte Mitwirkende. Sie brauchen auch finanzielle Mittel.

2016 erhielt TanzRäume Unterwegs dabei Unterstützung durch eine Gruppe junger Menschen, deren Engagement auf besondere Weise mit der Arbeit des Vereins verbunden war.

Durch die Vermittlung einer Mitarbeiterin von TanzRäume Unterwegs entstand der Kontakt zu einem Seminar, dessen Studierende sich mit der Finanzierung eines künstlerischen Projekts beschäftigten.

In Kleingruppen brachten sie ihre unterschiedlichen Kenntnisse, Interessen und Fähigkeiten ein. Einige nahmen auch an Proben teil und lernten die Menschen und die Arbeitsweise der Kompanie unmittelbar kennen.

Aus der zunächst projektbezogenen Zusammenarbeit entwickelte sich ein von Begeisterung getragenes Engagement. Die Studierenden beschäftigten sich nicht nur mit Finanzierungsmöglichkeiten, sondern auch mit den künstlerischen und menschlichen Anliegen des Vereins.

Ein Ergebnis war ein eigens produzierter Werbefilm für eine Crowdfunding-Aktion. Mit seiner Hilfe wurde um Unterstützung für das Projekt geworben.

Das angestrebte Finanzierungsziel wurde erreicht.

Die Zusammenarbeit zeigte, wie Menschen, die zunächst von außen zu einem Projekt hinzukommen, durch persönliche Begegnungen zu engagierten Mitgestaltern werden können.

Die Nelken-Line: Vier Jahreszeiten in Bewegung

2016 nahm die Kompanie WINDSPIEL eine besondere Choreografie in ihre künstlerischen Aktivitäten auf: die berühmte Nelken-Line aus dem Tanztheaterstück „Nelken“ von Pina Bausch.

In einer langen Reihe bewegen sich die Tänzer durch den Raum. Mit wenigen wiederkehrenden Gesten lassen sie Frühling, Sommer, Herbst und Winter entstehen. Die Bewegungen sind einfach und zugleich von einer besonderen Ausdruckskraft.

Gerade diese Verbindung von Einfachheit und Poesie eröffnete der inklusiven Kompanie einen reizvollen Zugang zur Choreografie.

WINDSPIEL brachte die Nelken-Line an zwei ungewöhnliche Orte: auf das Gelände der Zeche Zollverein in Essen und auf den Flughafen Dortmund.

Besonders am Flughafen entwickelte die Bewegungsfolge ein Eigenleben. Dort wurde sie mehrfach spontan getanzt, mitten in einer Umgebung, die gewöhnlich von Eile, Abflugzeiten und zielgerichteten Wegen bestimmt wird.

Was blieb, war die gemeinsame Erfahrung, mit wenigen Gesten einen Raum zu verändern und Menschen miteinander in Bewegung zu bringen.

Die Nelken-Line zeigte auf eindrucksvolle Weise, wie aus einfachen, gemeinsam ausgeführten Bewegungen ein lebendiges Bild entstehen kann, in dem jeder Mensch seinen eigenen Ausdruck behält.

Ein Jahr, das Verbindungen sichtbar machte

2016 führte TanzRäume Unterwegs auf unterschiedlichen Wegen zu einer gemeinsamen Erfahrung.

Die Reise nach Sizilien öffnete den Blick für andere Lebenswelten und für die eigenen Vorstellungen von Heimat. Mit „Heimatspuren“ wurden diese Erfahrungen zu einem künstlerischen Ausdruck verdichtet.

Die Zusammenarbeit mit den Studierenden zeigte, dass sich Menschen auch außerhalb der Bühne von einer Idee bewegen lassen und mit ihren Fähigkeiten zum Gelingen eines Projekts beitragen können.

Und die Nelken-Line führte auf ihre ganz eigene Weise vor Augen, wie aus einfachen, gemeinsam ausgeführten Gesten ein lebendiges Bild entstehen kann.

Vielleicht lag darin eine besondere Qualität dieses Jahres: Nicht die Unterschiede mussten überwunden werden. Sie durften miteinander in Bewegung kommen.