Von Heimatspuren, neuen Verbindungen und einem Verein, der wachsen wollte
TanzRäume Unterwegs wird ein Verein
Am 7. März 2015 gründeten wir den Verein TanzRäume Unterwegs e. V.
Seit 2008 hatte sich unsere Initiative zu einem vielfältigen künstlerischen Arbeitsfeld entwickelt. Aus ersten gemeinsamen Tanz- und Bewegungsangeboten waren Aufführungen, größere Produktionen und zahlreiche Kooperationen entstanden. Mit ihnen wuchsen auch die organisatorischen Aufgaben.
Wir suchten deshalb nach einer tragfähigen Struktur, die unsere Arbeit langfristig unterstützen konnte.
Als gemeinnütziger Verein wollten wir neue Fördermöglichkeiten erschließen, weitere Menschen für unsere Arbeit gewinnen und Aufgaben auf mehr Schultern verteilen. Dabei ging es nicht allein um die künstlerische Gestaltung, sondern ebenso um Organisation, Finanzierung, Öffentlichkeitsarbeit und die Entwicklung neuer Kooperationen.
Auch wirtschaftliche und unternehmerische Erfahrungen sollten in die Vereinsarbeit einfließen. So baten wir Ralf Bertram, uns aus seiner unternehmerischen Perspektive beratend zu begleiten. Einrichtungen wie die Dortmunder Freiwilligenagentur eröffneten zusätzliche Möglichkeiten, Menschen für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen.
Der Gründungskreis bestand aus Menschen mit und ohne Behinderung, die TanzRäume Unterwegs bereits seit längerer Zeit verbunden waren.
Uns war wichtig, dass die inklusive Ausrichtung unserer künstlerischen Arbeit auch im Vereinsleben ihren Ausdruck fand. Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen beteiligten sich an Gesprächen und Entscheidungen. Wir wollten Formen der Zusammenarbeit finden, in denen möglichst jeder seine Vorstellungen einbringen und Verantwortung mittragen konnte.
Die Reaktionen auf die Vereinsgründung waren unterschiedlich. Einige Ensemblemitglieder wollten unmittelbar selbst Mitglied werden. Andere entschieden sich dagegen. Manche Eltern und rechtlichen Vertreter sahen in einer eigenen Mitgliedschaft die Möglichkeit, die künstlerische Arbeit ihrer Angehörigen zu unterstützen.
Für WINDSPIEL änderte sich im Probenalltag zunächst wenig. Die Gemeinschaft war längst gewachsen. Der neue Verein sollte ihr vor allem ein organisatorisches Dach geben und weitere Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.
Bereits am 26. April stellten wir TanzRäume Unterwegs e. V. beim inklusiven Theatertag im Dortmunder Theater im Depot vor.
Auch beim Maifest des Christopherus-Hofes in Witten war der junge Verein präsent. Während WINDSPIEL traditionell kleine Ausschnitte aus seiner Arbeit zeigte, kamen wir am Vereinsstand bei frisch zubereitetem Popcorn mit den Besuchern ins Gespräch.
Im Laufe des Jahres beschäftigten uns bereits neue Vorhaben, darunter auch die Planung einer gemeinsamen Reise mit dem Ensemble.
Heimatspuren: Wo sind wir zu Hause?
Was bedeutet Heimat?
Ist es der Ort, an dem wir geboren wurden? Die Landschaft unserer Kindheit? Eine Sprache, die uns vertraut ist? Oder sind es Menschen, Erinnerungen und Erfahrungen, durch die wir uns irgendwo zu Hause fühlen?
Mit solchen Fragen beschäftigten wir uns bei der Entwicklung unserer neuen Produktion „Heimatspuren“.
Das Ruhrgebiet, in dem wir leben und arbeiten, ist seit Generationen von Zuwanderung geprägt. Menschen aus vielen Ländern und aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands haben hier ein neues Zuhause gefunden.
Auch unser Ensemble WINDSPIEL vereinte Menschen mit eigenen oder familiären Verbindungen nach Portugal, Italien, Südkorea, Brasilien, Frankreich und Deutschland.
Der Begriff Heimat war damals keineswegs unumstritten. Später wurden wir sogar gefragt, weshalb wir ausgerechnet dieses Wort gewählt hatten.
Für uns bezeichnete es jedoch nicht allein einen geografischen Ort. Heimat konnte ebenso ein Lebensgefühl sein: Vertrautheit, Zugehörigkeit, Identität und das Bewusstsein, irgendwo zu Hause zu sein.
Persönliche Erfahrungen und Erinnerungen hatten unsere künstlerische Arbeit schon immer begleitet. Nun wollten wir sie ausdrücklich zum Ausgangspunkt einer gemeinsamen Inszenierung machen.
Bevor daraus ein Bühnenstück wurde, nahmen wir uns Zeit für die Geschichten der Menschen, die daran mitwirkten.
Jedes Ensemblemitglied erhielt mehrfach Gelegenheit, eigene Erinnerungen, Erfahrungen und Vorstellungen von sich selbst einzubringen. Wir erkundeten diese Beiträge gemeinsam, experimentierten mit Bewegungen, Gesten und szenischen Situationen und suchten nach Ausdrucksformen für das, was die einzelnen Menschen mitgebracht hatten.
So entstanden nach und nach Bilder und Szenen, deren Ausgangspunkte in den persönlichen Lebensgeschichten unserer Mitwirkenden lagen.
Wie unterschiedlich sich Heimat ausdrücken kann, zeigte sich besonders schön in einem Beitrag von Nikolai.
Er hatte eine besondere Begeisterung für die Sprache und Mentalität des Ruhrgebiets entwickelt. In einer Szene trat er mit einem klassischen, seitlich auffächerbaren Werkzeugkasten nach vorne. Als er ihn öffnete, kamen statt Werkzeugen eine Stulle und ein Bier zum Vorschein.
Und dann tat Nikolai, was für ihn zum Leben im Revier gehörte: Er aß seine Stulle und trank sein Bier.
Mit seiner unverwechselbaren Art verlieh er dieser kleinen Alltagshandlung eine solche Komik und Selbstverständlichkeit, dass daraus ein ganz eigenes Bühnenbild von Heimat entstand.
Keine große Erklärung, keine feierliche Geste. Ein Werkzeugkasten, eine Stulle, ein Bier und Nikolai.
Von Heimatspuren zur Idee einer gemeinsamen Reise
Während wir an „Heimatspuren“ arbeiteten, entstand der Wunsch, mit WINDSPIEL einen weiteren Schritt zu wagen.
Wir wollten gemeinsam verreisen, außerhalb unserer vertrauten Umgebung neue Erfahrungen sammeln und andere Lebenswelten kennenlernen.
Eine mögliche Inspiration war dabei das Tanztheater von Pina Bausch, dessen künstlerische Arbeit uns seit Langem begleitete. Auch die Reisen ihres Ensembles und die daraus entstandenen Produktionen hatten uns beschäftigt.
Unser Blick richtete sich nach Sizilien, in den Herkunftsort des Vaters eines unserer Ensemblemitglieder. Von dort war er einst als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland gekommen.
Die geplante Reise knüpfte damit unmittelbar an unsere Beschäftigung mit persönlichen Herkunftsgeschichten an. Zugleich sollte sie einen neuen Erfahrungsraum für das gemeinsame künstlerische Arbeiten eröffnen.
Für dieses Vorhaben begannen wir, Fördermöglichkeiten zu erschließen und die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen. Auch darin zeigte sich, welche neuen Aufgaben der junge Verein übernehmen konnte.
Sommernachtsträume: Mit dem Sinfonieorchester auf der Bühne
Ein weiteres großes Projekt führte uns nach Wuppertal.
Bereits im Oktober 2014 hatten wir die Zusammenarbeit mit zwei Förderschulen begonnen: der LVR-Förderschule für Kinder und Jugendliche mit körperlichen Behinderungen und der Schule am Nordpark mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung.
Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern entwickelten wir über mehrere Monate Tanz- und Bewegungstheaterszenen, die schließlich Teil einer Aufführung mit dem Wuppertaler Sinfonieorchester werden sollten.
Ausgangspunkt unserer Arbeit war die Frage:
„Hast du schon mal geträumt?“
Wir luden die Kinder und Jugendlichen ein, eigene Erinnerungen, Vorstellungen und Gefühle zu erkunden und ihnen durch Bewegung und szenisches Spiel Ausdruck zu geben.
Dabei ging es zunächst darum, sich selbst und die eigenen Bewegungsmöglichkeiten kennenzulernen. Aus kleinen Improvisationen entstanden Bilder und Geschichten, die wir gemeinsam weiterentwickelten.
Am 30. Januar 2015 präsentierten die Schülerinnen und Schüler in der Erlöserkirche in Wuppertal-Wichlinghausen erste Ergebnisse unter dem Titel „Winterträume“. Zur Musik aus Vivaldis Vier Jahreszeiten entstanden szenische Bilder des Winters. Für einige Mitwirkende war es der erste öffentliche Bühnenauftritt.
Anschließend widmeten wir uns dem Hauptprojekt „Sommernachtsträume“.
Unsere musikalische Grundlage bildeten ausgewählte Tänze aus Tschaikowskis Ballett Der Nussknacker. Wir beschäftigten uns mit den Geschichten rund um das Schloss Zuckerburg und ließen uns von den Tänzen Schokolade, Kaffee und Tee zu eigenen szenischen Bildern anregen.
Dafür begaben wir uns auf eine Entdeckungsreise durch unterschiedliche kulturelle Vorstellungswelten.
Wir beschäftigten uns mit spanischem Flamenco, erkundeten Bewegungen und Gefühle im Zusammenhang mit dem Stierkampf, ließen uns von arabischen Markt- und Tanzbildern inspirieren und begegneten chinesischen Traditionen rund um den Teeanbau und das Teetrinken.
Bilder, Filme, Geschichten und sinnliche Erfahrungen begleiteten unsere Arbeit. Wir betrachteten Kakaobohnen, erkundeten Teeblätter und beschäftigten uns mit Gegenständen und Bräuchen, die für manche Teilnehmer fremd, für andere aus ihrer Familiengeschichte vertraut waren.
Dabei ging es uns nicht darum, fremde Kulturen möglichst originalgetreu darzustellen. Wir suchten vielmehr nach persönlichen Zugängen zu den musikalischen Bildern und Geschichten, um daraus eigene Bewegungen und Szenen zu entwickeln.
Das Projekt gehörte zu einer Initiative von Orchestermusikern, die Begegnungen zwischen dem Sinfonieorchester und Schulen förderten. Schon zu Beginn hatten wir persönlichen Kontakt mit Musikern; im weiteren Verlauf fanden weitere Begegnungen statt.
Unsere eigentliche Probenarbeit verlief jedoch lange Zeit mit Musikaufnahmen. Erst unmittelbar vor der Aufführung kamen die Schülerinnen und Schüler und das Orchester zu einer gemeinsamen musikalischen Probe zusammen.
Umso bemerkenswerter war für uns das Selbstbewusstsein, mit dem die jungen Darsteller schließlich ihren Teil zum gemeinsamen Programm beitrugen. Sie begegneten der live gespielten Musik mit einer Präsenz, die uns besonders in Erinnerung geblieben ist.
Am 3. Juni 2015 fanden die monatelangen Vorbereitungen in der Historischen Stadthalle Wuppertal ihren Abschluss.
Die Schülerinnen und Schüler standen dort nicht nur als Gäste eines großen Orchesters auf der Bühne, sondern als Mitwirkende einer gemeinsamen künstlerischen Aufführung.
Foto: © praxis-kom.de
Wenn Krücken zu Flügeln werden
Am 26. April 2015 beteiligten wir uns am inklusiven Theatertag im Dortmunder Theater im Depot.
Die Veranstaltung fand im Rahmen des Europäischen Protesttages der Menschen mit Behinderungen statt und wurde von Aktion Mensch unterstützt.
Rund 120 Menschen mit und ohne Behinderung begegneten sich in Workshops, künstlerischen Experimenten und Aufführungen.
Es wurde mit Fächern und Fallschirmen getanzt, mit Improvisationstheater experimentiert, gezeichnet, gemalt und geschminkt.
WINDSPIEL zeigte Ausschnitte aus seiner Arbeit. Ein Fallschirm verwandelte sich in ein Wellenmeer, im Schwarzlicht erschienen schimmernde Fische.
Ein besonders eindrucksvoller Moment gehörte Julia.
Ihre achselhohen Holzkrücken verwandelten sich durch die Gestaltung während der Aufführung in Flügel. Aus einem vertrauten Gegenstand entstand vor den Augen des Publikums ein überraschendes, poetisches Bühnenbild.
Im Anschluss an unsere Aufführung fand das Begegnungstheater „Look at me – Schau mich an!“ statt, das von einem Mitwirkenden des Theaters gestaltet wurde.
Auch Mitglieder unseres Ensembles beteiligten sich an diesen Begegnungen auf der Bühne.
So wurde dieser Nachmittag zu einem Raum für unterschiedliche Formen des künstlerischen Ausdrucks und der unmittelbaren Begegnung.
Dance and Ability: Neue Räume für inklusiven Tanz
Die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dortmund, die im Vorjahr begonnen hatte, wurde 2015 fortgesetzt.
Im Anschluss an den Projekttag „Dance and Ability – Tanzen inklusiv!“ und das Projekt „freespaces – Freiräume“ entstand eine weitere gemeinsame Veranstaltungsreihe.
Unter der Leitung von TanzRäume Unterwegs und in Kooperation mit dem Lehrgebiet Musik und Bewegung der TU Dortmund, der Lebenshilfe Dortmund und dem Theater im Depot begegneten sich Menschen mit unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten und Erfahrungen.
An neun aufeinanderfolgenden Terminen erkundeten wir die Grundlagen unserer Arbeitsmethode „Von der Idee in den bewegten Ausdruck“.
Wir experimentierten mit Improvisation, ungewöhnlichen Materialien und Requisiten und ließen aus den Ideen der Teilnehmer kleine Geschichten und szenische Bilder entstehen.
Die Zusammenarbeit eröffnete neue Begegnungen zwischen universitärer Lehre, künstlerischer Praxis und Menschen, die einfach Freude daran hatten, gemeinsam in Bewegung zu kommen.
WINDSPIEL unterwegs: KunstRasen, Kämpenschule und isaac-Kongress
Auch außerhalb unserer größeren Projekte war WINDSPIEL 2015 an verschiedenen Orten zu erleben.
Am 29. und 30. August beteiligten wir uns an der Freiluftausstellung „KunstRasen“ im Dortmunder Gartenverein Buschmühle.
Zwischen Rombergpark und Westfalenpark präsentierten 17 Künstler ihre Arbeiten. WINDSPIEL war mit einem Walking Act und einer Werkschau eines koreanischen Fächerfragments aus „Heimatspuren“ vertreten.

Am 19. September feierte die Kämpenschule in Witten ihr 40-jähriges Bestehen.
Dieser Anlass hatte für uns eine besondere persönliche Verbindung: Ulrich Waßkönig, der seit 2009 zum engsten Kreis von WINDSPIEL gehörte, war 1975 einer der ersten Schüler der Kämpenschule gewesen.
Wir gratulierten mit einem Ausschnitt aus unserer neuen Produktion.
Auch beim isaac-Kongress 2015 in der Dortmunder Westfalenhalle war WINDSPIEL zu Gast.
Zum Abschluss der dreitägigen Veranstaltung, die sich mit Unterstützter Kommunikation beschäftigte, verabschiedeten wir die Kongressbesucher mit dem Walking Act „African Roots and The Korean Experience“, einer Miniatur aus unserer neuen künstlerischen Arbeit.
Unterstützt wurden wir dabei vom Percussion-Ensemble von Andreas Siebrecht.
Diese kleineren Auftritte waren für uns wertvolle Gelegenheiten, neue Szenen vor Publikum zu erproben und mit Menschen außerhalb unseres vertrauten Umfeldes in Kontakt zu kommen.
TanzRäume Unterwegs im Inklusionskataster NRW
2015 wurde TanzRäume Unterwegs e. V. auch im Inklusionskataster NRW vorgestellt.
Das Projekt gehörte zur Landesinitiative „NRW inklusiv“ und machte Beispiele inklusiver Gemeinwesenarbeit sichtbar.
In der damaligen Beschreibung unseres Vereins standen die künstlerische Entwicklung der Mitglieder von WINDSPIEL, die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung und die Vernetzung mit regionalen Partnern im Mittelpunkt.
Die Aufnahme in das Inklusionskataster war für uns eine weitere Gelegenheit, unsere Arbeit über die unmittelbaren Aufführungen und Projekte hinaus bekannt zu machen.
Was von 2015 bleibt
2015 war ein Jahr, in dem sich vieles miteinander verband.
Die Vereinsgründung gab unserer Arbeit eine neue organisatorische Grundlage. Mit „Heimatspuren“ rückten die persönlichen Geschichten unserer Ensemblemitglieder ausdrücklich ins Zentrum der künstlerischen Entwicklung. Und mit der geplanten Reise nach Sizilien öffnete sich die Perspektive auf einen gemeinsamen Erfahrungsraum jenseits unserer vertrauten Probenorte.
Gleichzeitig begegneten wir Schülerinnen und Schülern, die mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein an der Seite eines großen Sinfonieorchesters auftraten. Wir erlebten, wie Julias Krücken auf der Bühne zu Flügeln wurden, und wie Nikolai mit einem Werkzeugkasten, einer Stulle und einem Bier ein ganz eigenes Stück Ruhrgebiet sichtbar machte.
Es waren sehr unterschiedliche Erfahrungen. Und doch hatten sie etwas gemeinsam.
Immer wieder ging es darum, Menschen mit ihren Fähigkeiten, Erinnerungen und Vorstellungen ernst zu nehmen und daraus etwas entstehen zu lassen, das keiner von ihnen allein hätte gestalten können.
Vielleicht war das unsere wichtigste Heimatspur: das, was wir im gemeinsamen künstlerischen Tun miteinander fanden.